Castell Paradiso

Kapitel 1

"Entschuldigt die Dame, seid Ihr die ehrenwerte Adepta Jolina?"
Verwirrt sah ich von meinem Becher auf. Fremde waren mir immer suspekt und eigentlich hätte ich gern noch einwenig meine Einsamkeit genossen. Vor mir stand eine junge in grün gekleidete Frau, die mich geduldig musterte.
"Und wenn es so wäre?" entgegnete ich.
Zufrieden ließ sie sich auf dem Stuhl mir gegenüber sinken, legte den langen gedrechselten Stab über ihren Schoß und blickte mich vertrauensvoll an.
"Dann hätte ich Euch endlich gefunden."
Mit der linken Hand sortierten sie selbstgefällig ihr grünes Kopftuch.
"Und mit wem spreche ich?" fragte ich nunmehr ungeduldig, denn die ruhige Zeit schien nun offensichtlich ihr Ende gefunden zu haben.
"Ich bin Adepta et Scholaria Cassandra D' Marissal, Geweihte der Hesinde zu Kuslik."
Begrüßend nickte ich ihr zu.
"Eure Annahme ist richtig, ich bin die von Euch gesuchte. So nennt mir doch den Grund Eures Begehrs."
Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück, sah ihr geradewegs in die braunen Augen und lauschte ihrer Geschichte.
"Ihr scheint viel gehört zu haben über die Ereignisse in Pavi. Doch wenn ihr Informationen über das dort Geschehene sucht, so seid Ihr der falschen Person gefolgt. Es ist zwar richtig, daß ich dort manch merkwürdige Dinge erlebt habe, doch kann ich kaum davon berichten, da sie mir gänzlich unverständlich waren."
Ich ergriff meinen Stab, legte ein paar Münzen auf den Tisch und erhob mich von meinem Stuhl.
"Wenn Ihr mich nun entschuldigen würdet. Wie ich bereits sagte, kann ich Euch nicht mit Informationen dienen."
Ich hörte, das Schoren ihres Stuhles und dann eilige Schritte, die mir folgten. An der Tür hatte sie mich eingeholt.
"Ich weiß, daß Ihr mit Magus Löwenschwert von Eichblatt und einem Jäger namens Fiun unterwegs wart."
Ich blieb stehen und wand mich ihr langsam zu.
"Und wieso seid Ihr dann nicht dem Magus gefolgt?"
"Der Herr ist mir bereits bekannt. Allerdings war er zu dieser Zeit noch nicht in den Stand des Magus erhoben. Jedoch ist mir bekannt, daß er viel auf Reisen und daher schlecht auffindbar ist. Auch mit Fiun, einem merkwürdigen Gesell, bin ich einst unterwegs gewesen. Und ich weiß, daß ich diesen niemals auffinden würde, wenn er es nicht wollte."
Sie machte eine kurze Pause und fügte dann leiser hinzu: "Doch Euch kannte ich bislang noch nicht, und was mir über Euch zu Ohren kam, machte mich neugierig. Zum Beispiel hörte ich, daß Ihr unter Elfen aufgewachsen seid."
Ich ahnte, welcherlei Fragen jetzt folgen würde. Bislang hatte mich jeder nach den Gründen gefragt und wollte sodann alles über die Kultur der Elfen wissen. Nein, ich wollte mich nicht schon wieder erklären müssen. Schnell wand ich mich wieder der Tür zu, öffnete diese und verließ die Taverne.
"So hört doch," rief sie mir nach: "Ich war vor kurzem Gast der Waldelfen. Sie nannten mich Feyiama."
Ich verharrte. Wollte diese Fremde mich in die Irre führen? Oder sollte dies gar die Wahrheit sein. Ich mußte es wissen. Schnell war sie wieder bei mir.
"Wieso nannten sie Euch Feyiama?"
Sie zuckte mit den Schultern.
"Gemeinsam mit Löwenschwert und Fiun hatte ich geholfen einen..."
Sie stockte und schaute sich um. Dann trat sie dichter an mich heran und raunte mit leiser Stimme: "Nun, wir haben einen Elfenvampir gejagt."
"Ihr?"
Ich stockte und ersann mich der Worte Löwenschwert's. Ja, er hatte von so etwas berichtet. Von Vampiren und Werwölfen, die er bekämpft hatte. Allerdings hatte er in diesem Zusammenhang nicht ihren Namen genannt.

Viele Tage waren wir gewandert. Hatten die Nebelmoore durchquert und Weiden durchwandert. Schließlich erreichten wir Moosgrund. Hier hoffte ich meine Gefährten aus vergangenen Tagen wiederzutreffen. Schon von weiten hörte ich eine bekannte Stimme aus der Menge. Dort vor der Schenke saß Faenwulf, der deutlich aus der Menge herausstach und erhob soeben einen Humpen, um dessen Inhalt sogleich zu leeren. Laut stellte er das Gefäß wieder auf den Tisch und rief:
"Mensch Ronnie, ich freu mich riesig, dich wiederzusehen."
Der angesprochene winkte sofort dem Wirt. Ich nickte lächelnd. Wo sonst hätte ich diese beiden auch antreffen sollen.
"Seid gegrüßt," rief ich ihnen entgegen und trat auf sie zu.
"Jolli," rief Faenwulf erfreut und riss mich in seine Arme. Ich jappste nach Luft und versuchte mich seinem Griff zu entwenden. Dann bedachte ich ihn eines strafenden Blickes und berichtigte meinen Namen.
"Ach, nun hab dich mal nicht so Kleine." Rondrian, ein stattlicher Ritter, wie aus dem Lehrbuch lächelte mir zu.
"Setz dich und trink was mit uns."
Ich hörte, wie Cassandra neben mich trat und mir zuraunte: "Dies sind Eure Gefährten?"
Ein Hauch von Missbilligung schwang in ihren Worten mit. Doch ich unterließ es, ihr die Antwort zu geben, die sie wahrscheinlich erhoffte. Lächelnd erinnerte ich mich an meine erste Begegnung mit diesen Beiden. Auch ich war damals mehr als verhalten und nicht sonderlich erfreut gewesen. Cassandra hatte sich inzwischen vorgestellt und nahm soeben Platz. Ich sah, wie Rondrian erneut nach dem Wirt rief, der sich beeilte, dessen Wünsche zu erfüllen.
"Vier Balihoer, zwei Bier und für die Damen..." er schaute uns auffordernd an.
"Einen leichten Wein bitte," erklang neben mir die Stimme Cassandras.
"Wasser," erwiderte ich knapp.
Der Wirt verneigte sich tief vor Rondrian und verschwand dann eiligen Schrittes in die Wirtsstube.
"Ronnie erzählte gerade, daß ganz in der Nähe ein Turnier veranstaltet wird," hub Faenwulf an.
"Ein Turnier?" fragte ich, da mir dieses Wort bislang unbekannt war.
"Ja, und ich dachte, wir reisen da hin und zeigen denen mal, aus welchem Holz wir geschnitzt sind."
Rondrian's braune Augen leuchteten vor freudiger Erwartung. Ich schüttelte den Kopf.
"Was ist das?"
Cassandra lehnte sich zu mir herüber und erklärte. Verständnislos schaute ich in die Runde: "Und so etwas ist Notwendig? Ich sehe keinen Sinn in solch Gebarden."
"Elfenverschnitt," hörte ich Faenwulf flüstern.
Doch Cassandra erhob sogleich das Wort: "Solch ein Turnier wird veranstaltet, um den Besten zu ermitteln. Es ist ein Kräftemessen, welches nicht nur Vergnügen bereiten soll, sondern auch lehrreich ist."
Der Wirt brachte die bestellten Getränke, wobei er sich immer bemühte, Rondrian mit großer Erfurcht zu behandeln.
"Na dann."
Rondrian hob seinen Bierhumpen und nickte jedem einzeln zu. Wieder setzte Faenwulf das Gefäß kräftig auf dem Tisch ab und atmete lautstark aus.
"Sagt, wo ist eigentlich unser kleiner Freund?" fragte er dann.
"Darun?" Rondrian lächelte verschmitzt: "Der wollte doch ins Bornland ziehen, um dieses Weibsbild wiederzufinden. Ich glaube nicht, daß wir ihm so schnell wieder über den Weg laufen werden."
Auch ich konnte ein wissendes Lächeln nicht verbergen und erinnerte mich des kleinen Mannes mit dem langen Bart.
"Was haltet ihr davon, wenn ich eine Kutsche anspannen lasse? Dann könnten wir ganz bequem zu diesem Turnier reisen."
Rondrian sprang, ohne eine Antwort abzuwarten auf, warf ein paar Münzen auf den Tisch und ging zu seinem Pferd, das unweit angepflockt graste.

Wenig später saßen wir in einer nachtblauen Kutsche und fuhren Richtung Süden. Schweigend beobachtete ich die Gegend und wurde schließlich von der Müdigkeit übermannt.
Fanfaren erklangen. Erschrocken fuhr ich hoch und versuchte mir meiner Umgebung gewahr zu werden. Vor uns lag eine große Wiese. Hier und da standen große bunte Zelte und dazwischen waren Wimpelketten gespannt. Menschen eilten geschäftig über den Platz und hier und da sah man reich geschmückte Pferde.
"Wir sind da," Rondrian sprang aus der Kutsche und eilte sogleich auf eines der Zelte zu, vor welchem ein kleines Tischchen aufgebaut stand. Dahinter saß ein junger Mann, der versuchte einige Schriftstücke unter Kontrolle zu halten, mit denen der Frühlingswind spielte.
"Rondra zum Gruße," schmetterte ihm Rondrian entgegen. Der junge Mann schrak auf und sah ihn verdutzt an. Sogleich ergriff der Wind erneut die Papiere und wirbelte eines fort. Verzweiflung ergriff den Mann. Fahrig wollte er das Tintenfässchen ergreifen, doch warf er es stattdessen um. Blaue Farbe ergoss sich über dem Tischchen. Der Mann sprang auf und nestelte nach seinem Schnupftuch.
Seelenruhig trat Rondrian an das Tischchen heran und sammelte die Schriftstücke ein. Dann folgte er dem Flüchtigen. Nach wenigen Schritten hatte er das Papier erreicht und entriss dem Wind sein Spielzeug.
Der junge Mann versuchte indessen die Farbe mit seinem Schnupftuch vom Tisch zu wischen. Schließlich dreht er sich Rondrian zu und entschuldigte sich hektisch für sein Missgeschick.
"Das kann doch jedem mal passieren." Rondrian klopfte ihm versöhnlich auf die Schulter.
"Ach, das ist alles so hektisch hier. Nichts wurde wirklich organisiert, und nun versuche ich zumindest die Teilnehmer zu notieren."
Schweißperlen standen auf der Stirn des Fremden. In seinen Händen hielt er noch immer sein mit Tinte getränktes Schnupftuch. Erschöpft ließ er sich wieder auf den Stuhl sinken und wischte sich mit dem Tuch den Schweiß von der Stirn, tätschelte sich die Wangen und weitete schließlich seinen Kragen, um auch seinen Nacken von den Schweißperlen zu entfernen. Rondrian wandte seinen Blick ab, um nicht in schallendes Lachen über den nun über und über mit blauer Tinte verzierten Mann auszubrechen.
"Nun, ich würde mich gern für den Schwertkampf und das Lanzenreiten anmelden," sagte er schließlich und reichte dem Mann die Papiere, die er noch immer in Händen hielt.
"Danke," murmelte dieser und versuchte die Schriftstücke zu ordnen. Schließlich ergriff er seinen Schreibgriffel und versuchte noch einen Rest Tinte in dem Fässchen zu finden.
"Euer Name?" fragte er dann.
"Rondrian Bärnbrück Nordfalk Edler zu Moosgrund."
Stolz klang in seiner Stimme mit, und in diesem Augenblick verriet auch seine Haltung, daß er eigentlich von adliger Abstammung war. Doch nie würde er einen Hehl daraus machen. Genoß er doch den einfachen Umgangston viel zu sehr.
Eilig kritzelte der junge Mann den langen Namen nieder und blickte Rondrian schließlich abwartend an. Nun traten auch Cassandra und Faenwulf auf das Tischchen zu. Langsam folgte ich ihnen.
"Ich denke, ich werde mich im Kampf mit dem Florett eintragen," ließ Cassandra soeben verlauten.
"Hm, Axtkampf und Raufen."
Faenwulf lächelte selbstzufrieden: "Das kann ich gut."
Ich wog meinen Stab in Händen und überdachte noch einmal den Sinn dieser Festivität. Schließlich gab ich mir doch einen Ruck und ließ mich für den Stabkampf und das Bogenschießen eintragen.

"Geschätzte Damen, geschätzte Herren," erklang eine Stimme nördlich des Festplatzes. Dort stand ein großgewachsener Mann, dessen lange dunklen Haare im Wind wehten.
Gemurmel wurde unter den Besuchern laut. Da erhob er demonstrativ die Arme und sprach weiter: "Dieses Turnier soll nicht nur dem Spaße und der Freude dienen, sondern auch die größten Helden des Zeitalters ermitteln. Drum wünsche ich jedem Teilnehmer alles Gute und die Besten mögen gewinnen."
Mit diesen Worten ließ er die Arme sinken und nickte einem Knaben zu, der ihm sogleich ein Schriftstück reichte. Dann verkündete er weiter: "Zuerst werden sich die Recken der Schwerter messen. Hierzu bitte ich alle Teilnehmer auf den Platz. Es wird nach den Regeln Rondras im ehrenvollen Zweikampf gefochten. Sodann sollen Sieger gegen Sieger antreten, bis der Beste ermittelt ist."

"Wünscht mir Glück," rief Rondrian während er bereits auf den Festplatz eilte.
Fasziniert beobachtete ich die Männer und Frauen, die dort fochten. Wie sie die Schwerter kreisen ließen, um sogleich einen Angriff zu führen. Schnell hatte Rondrian sein Gegner zu Boden geschickt und wartete geduldig auf den Ausgang der weiteren Gefechte.
Eine kräftige Frau kam auf ihn zu. Ihre Brünne, die ihren Oberkörper umschmeichelte glänzte in der Sonne. Sie mochte fast zwei Schritt messen und überragte Rondrian somit um einen halben Kopf.
"Na Kleiner, wollen wir doch mal schauen, ob du dich auch so bereitwillig hinlegst," hörte ich sie sagen.
Wütend erhob Rondrian sein Schwert, um es sogleich auf sie herabsausen zu lassen. Doch schon hatte ein Sprung zur Seite sie aus seiner Reichweite gebracht. Spielerisch umtanzte sie ihn und beobachtete jede seiner Bewegungen.
"Geschickt bist du, daß muß man dir lassen. Doch sicher wärest du in anderen Dingen geeigneter," forderte sie ihn heraus.
Mit einem Schrei stürmte Rondrian auf sie zu. Lächelnd sprang sie zur Seite, ließ ihr Schwert einen Kreis beschreiben, während sie sich einmal um sich selbst drehte. Rondrian stolperte als ihr Schwert seinen Rücken traf, strauchelte und fiel schließlich hustend der Länge nach ins Gras.
Langsamen Schrittes kam die Frau auf ihn zu und half ihm auf.
"Du bist gut, doch solltest du lernen dein Temperament zu zügeln. Mein Name ist Eleonor von Löwenstein, und es war mir eine Ehre."
Rondrian klopfte sich Gras und Dreck von den Kleidern, hob sein Schwert auf und murmelte schließlich verdrießlich: "War mir auch eine Ehre. Rondrian Bärnbrück Nordfalk Edler zu Moosgrund."
Er streckt ihr die Hand entgegen und versuchte seinen Ärger zu unterdrücken.
"Angenehm, ein Adliger also." Sie ergriff seine Hand und nickte ihm anerkennend zu.
"Sicher auch ein Ritter im Namen der Rondra?"
Sie hob die Augenbrauen und lächelte verschmitzt, als er nickte.
"Nun, ich suche noch einen geeigneten Mann für die Zeugung meiner Tochter. Wenn du es einrichten könntest?"
Rondrian sog verblüfft Luft ein, schluckte und trat einen Schritt zurück.
"Ihr hattet Euren Spaß, belustigt Euch nun nicht weiter auf meine Kosten. Möge Rondra Eurer Geschick auch weiterhin leiten."
Damit wand er sich um und kam eiligen Schrittes auf uns zu.

Schließlich war es entschieden, und Eleonor von Löwenstein wurde zum Nordende des Festplatzes gebeten. Dort waren Stühle aufgestellt worden, so daß jeder der sieben Sieger dort Platz nehmen konnte.
Der Mann mit den langen dunklen Haaren gratulierte ihr und deutete ihr dann, sich neben ihn zu setzen. Dann wand er sich wieder dem Publikum zu.
"Nachdem der Schwertkampf entschieden ist, soll nun der Kampf mit dem Stabe folgen."
Ich reichte Cassandra meinen Bogen und betrat den Festplatz. Nur wenige hatten sich für diese Disziplin gemeldet. Anscheinend schien sich diese Art des Kampfes hier nicht großer Beliebtheit zu erfreuen.
Mir gegenüber stand ein Knabe und hielt verkrampft seinen Kampfstab vor sich. Seine hellen Augen sahen mich vorsichtig, beinahe ängstlich an. Verwundert nahm ich dies zur Kenntnis, war meine Erscheinung doch alles andere als bedrohend. Gut, ich war nicht eben klein. Maß ich doch einen Schritt und dreiundvierzig Finger. Dennoch wurde ich bislang immer als zierlich beschrieben und wurde daher auch gern von Gegnern belächelt.
Doch wie viele hatten sich getäuscht, da sie anscheinend nicht erwarteten, daß eine Frau, die sie wohl eher als Bettgefährtin schätzen würden, den Umgang mit Waffen kannte und sich ebenfalls mit den arkanen Kräften verstand.
Beinahe zaghaft tat der Knabe seinen Schlag. Kopfschüttelnd parierte ich ihm und musterte ihn. Er mochte vielleicht fünfzehn Sommer geschaut haben, doch hatte er noch immer recht jungenhafte Züge. Sommersprossen prangten auf seiner Nase und seinen Wangen.
'Du bist nicht viel älter als er. Und er sieht dir sogar ähnlich,' schoss es mir durch den Kopf. Wahrlich, nur vier Jahre mochten uns trennen und auch auf meiner Nase tanzten kleine Sommersprossen. Ardarell, mein Lehrmeister hatte mich deswegen gern 'Meine kleine Elfe mit den Sonnenpunkten' genannt. Doch wusste ich längst, daß ich nicht wirklich dem Volke der Elfen angehörte. Meine Rosenohren erinnerten mich immer wieder daran. Wie gern hätte ich ein arkanes Muster gefunden, diesen Makel zu korrigieren.
Ich erhob meinen Stab, ließ ihn über meinem Kopf kreisen, um ihn dann plötzlich herabsausen zu lassen. Verwundert schaute mich der Knabe an, taumelte erst einen, dann einen zweiten Schritt zurück und sank schließlich nieder. Erschrocken eilte ich auf ihn zu. Über meine Erinnerungen hinweg hatte ich den Schlag viel härter ausgeführt, als ich es beabsichtigt hatte. Schnell ließ ich mich neben ihm auf die Knie nieder und untersuchte seinen Schädel.
Erleichtert atmete ich auf, als ich keine Spur von Blut entdecken konnte. Aber ich wusste, daß der Junge wohl starke Kopfschmerzen haben und ihm später eine Beule wachsen würde. Doch dies war längst nicht so schlimm. Er würde es überleben.
Ich erhob mich wieder und schaute mich auf dem Platz um. Auch der andere Kampf hatte sich wohl entschieden. Die junge Frau sank soeben hustend nieder. Mit schmerzverzerrtem Gesicht presste sie ihre Hände auf ihren Bauch und keuchte.
Ihr Gegner nickte und wand sich dann mir zu. Er mochte mich um fünf Finger überragen und war beinahe doppelt so breit wie ich. Als er mich sah, lächelte er spöttisch, drehte sich zum Nordende des Platzes und rief: "Dies ist nicht Euer Ernst? Noch so ein Hühnchen. Wo bleibt denn da der Spaß?"
Das Publikum atmete hörbar ein. Ein paar Leute taten ihre Missbilligung lautstark kund. Dann hörte ich eine bekannte Stimme antworten.
"Diese junge Dame hat soeben gesiegt und soll nunmehr erneut ihr Geschick unter Beweis stellen. Ich habe sie aufmerksam beobachtet und bin sicher, daß nun ein interessanter Kampf folgen wird."
Der Gastgeber hatte sich erhoben. Wieder sah ich seine dunklen Haare im Wind wehen. Kurz deutete ich eine Verneigung in seine Richtung an und rief: "Für Euch, dessen Name mir leider bislang nicht genannt wurde."
Verwundert schauten mich die Menschen an. Dann wanderten ihre Blicke wieder zum Nordende.
"Meinen Namen wollt ihr wissen? Nun denn, ich bin Kassandro."
Ich sah, wie er ein paar Schritte auf den Festplatz trat und spürte, daß ich siegreich sein wollte. Stolz erhob ich den Kopf, klemmte mit der Linken eine hellblonde Haarsträhne hinter das rechte Rosenohr, die mir ins Gesicht gefallen war und erhob meinen Kampfstab.
"Dann lasst uns beginnen," flüsterte ich dem Kraftprotz vor mir zu.
Ich wusste, daß ich nicht seine Stärke hätte. Doch hatte ich auch gelernt, daß jeder Gegner eine Schwachstelle hat. Man mußte ihn nur lang genug beobachten, dann würde sie sich einem preisgeben.
Langsam ließ ich den Kampfstab vor meinem Körper kreisen, während ich meinen Gegner umtänzelte. Wirr hingen ihm die braunen Haare vom Kopf. Auf seiner Stirn waren bereits einige von der Feuchtigkeit seines Schweißes durchdrungen. Sein Atem ging schwer und nur langsam folgte er mir.
"Wieso läufst du davon, wie ein scheues Häschen?" fragte er.
Ich würde nicht antworten. Meinen Atem würde ich jetzt nicht für Worte vergeuden. Auch hatte ich erkannt, daß dieser Mann längst einen großen Fehler gemacht hatte. Sein dicker Lederwams mochte ihn vielleicht vor Schlägen schützen, doch hinderte ihn dieser mehr, als er ihm von Nutzen sein würde.
Noch einmal umkreiste ich ihn, dann riss ich meinen Stab empor, ließ ihn über meinem Kopf kreisen und drehte mich einmal um mich selbst.
Ein rasender Schmerz durchzog meinen linken Oberarm, als ein Schlag mich traf. Doch ich biss die Zähne aufeinander, griff meinen Stab fester und schmetterte diesen mit aller Kraft seitlich gegen den Kopf des Mannes. Dann riss ich abermals den Stab in die Luft und wollte ihn auf meinen Gegner herabsausen lassen. Doch da erklang wie von weit her ein Ruf.
"Haltet ein, Ihr habt ihn besiegt!"
Erschrocken hielt ich inne und schaute mich um. Ich erkannte Cassandra, die auf mich zueilte und sah den Mann auf dem Boden liegen. Blut quoll aus einer Wunde neben seinem linken Auge.
Was hatte ich getan? Ich ließ meinen Stab fallen und sprang zu dem Verletzten. Ein Blick in seine Augen verriet mir, daß er Boron schauen würde, wenn nicht etwas geschah. Wie selbstverständlich legte ich ihm meine rechte Hand auf die Wunde. Mit der Linken berührte ich seine Brust dort, wo sein Herz schlagen sollte, dann schloss ich die Augen.
Die Geräusche um mich erstarben und ich sah Linien vor meinem inneren Auge auftauchen, ordnete diese zu den bekannten Muster und ließ die Kraft des Lebens fließen.
Ich spürte, daß ich beobachtet wurde. Langsam kehrte ich in die Welt um mich zurück. Cassandra tastete am Hals des Mannes und nickte schließlich.
"Es ist gut."
Erschöpft atmete ich aus. Dann versuchte ich mich aufzuraffen, merkte jedoch, daß meine Beine mir nicht recht gehorchten.
"Vorsicht!"
Jemand fing mich auf und stützte mich. Wie im Traum spürte ich, daß mir mein Stab in die Hand gedrückt wurde und setzte dann wie selbstverständlich einen Fuß vor den anderen.
"Ihr habt gut gekämpft," flüsterte eine vertraute Stimme.
Verwirrt schaute ich mich um, sah jedoch zuerst nur verzerrte Umrisse. Dann klärte sich das Bild. Dunkelblaue Augen betrachteten mich besorgt.
"Da Ihr bereits meinen Namen kennt, wüsste ich doch zu gern, wer Ihr seid."
Ein freundliches Lächeln umspielte seine vollen Lippen und die hohen Wangenknochen wurden von einem leisen rosé angehaucht. Ich schloss meine Augen, um einen klaren Gedanken fassen zu können. Spürte, wie ich sanft auf einen Stuhl gedrückt wurde und lauschte dem Lied der Vögel.
Als ich erneut die Augen öffnete, befand ich mich am Nordende des Festplatzes. Neben mir saß der Fremde mit den langen dunklen Haaren und schaute noch immer besorgt. Dann erhob er sich und verkündete: "Nun, da auch der Stockkampf entschieden ist, ist es an der Reihe für den Kampf mit den Waffen der Eleganz. Es seien daher die Teilnehmer für Degen, Florett und Rapier auf den Festplatz gebeten."
Der Wind spielte wieder mit seinem langen Haar, während er diese Worte sprach und seine Hände untermalten mit gekonnten Gesten jeden Satz.
Ich betrachtete diese Hände. Lange schmale Finger. Feingliedrig aber kräftig waren sie. Ich beobachtete, wie er versuchte, das Spiel des Windes zu unterbinden, indem er mit beiden Händen sein Haar ergriff und kurzerhand im Nacken zu einem Zopfe flocht.
Elegante spitze Ohren kamen dabei zum Vorschein. Hatte ich es doch gewusst. Seine Züge hatten es mich gleich vermuten lassen. Auch war seine Stimme einen Hauch zu melodisch für die eines Menschen.
Er nahm wieder Platz und schaute auf den Festplatz. Noch immer musterte ich ihn. Seine Nase wies einen kleinen Stups auf, was ein starker Kontrast zu den sonst so elfischen Zügen war. Seine dunklen Augenbrauen waren sehr schmal und verliefen in einer geraden Linie, wobei sie zueinander ein leichtes 'V' bildeten.
Plötzlich wand er seinen Kopf zu mir. Erschrocken versuchte ich seinem Blick auszuweichen. Es war nicht schicklich jemanden anzustarren, daß wusste ich sehr wohl. Und es war mir unangenehm, dabei ertappt worden zu sein.
Mit leicht schiefgelegtem Kopf beobachtete er mich. Ich spürte eine bislang unbekannte Unsicherheit in mir aufsteigen, spürte wie seine Augen mich durchbohrten. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus und platzte heraus: "Was?"
"Was meint Ihr mit 'was'?"
Ich suchte nach Worten.
"Stört es Euch, wenn ich Euch anschaue?" fragte er dann.
"Äh, nein, es macht mich nur einwenig nervös. Also, was wollt Ihr?"
"Ihr seid mir eine Antwort schuldig," sagte er lächelnd: "Ihr habt mir noch immer nicht Euren Namen genannt."
"Feya Adepta Jolina Shasania-Gwenbian," antwortete ich leise, fast so, als würde ich ihm ein Geheimnis anvertrauen. Verwundert hob er die Brauen und schnell fügte ich hinzu: "Ihr dürft mich gern Jolina nennen."
Er nickte bedächtig und schaute dann wieder hinaus auf den Festplatz. Dort stand eine junge Frau in einem langen grünen Kleid. Ein Kopftuch von der gleichen Farbe verdeckte die braunen Haare. Soeben stak sie das Florett in den Boden und sah sich um.
"Cassandra," flüsterte ich.
Ich bemerkte, wie sich Kassandro zu mir umdrehte, dann jedoch meinem Blick folgte.
"Ihr kennt diese Dame?"
Ich nickte: "Ja, sie ist seit einiger Zeit meine Reisegefährtin. Aber ich hatte nicht gewusst, daß sie so gut mit einer Waffe umgehen kann. Sie ist zwar stets geschickt mit Worten, doch eine Waffe..."
Es folgte das Bogenschießen. Schnell hatte sich der Schütze mit den auffälligen langen goldblonden Haaren hervorgetan. Kein Laut der Freude kam über seine Lippen. Auch die amethystvioletten Augen verrieten nicht die leiseste Spur einer Gefühlsregung. Wie selbstverständlich nahm er am Nordende Platz und schaute dann auf den Festplatz.
Erst jetzt wurde mir bewusst, daß mir sein Benehmen befremdlich erschien. Ich kannte die Elfen, war mit ihnen aufgewachsen und hatte selbst viele ihrer Züge angenommen. Doch diese Perfektion der Selbstbeherrschung war mir bislang nicht vergönnt gewesen.
Das Publikum brach in Jubel aus. Schnell ließ ich meinen Blick zurück auf den Festplatz wandern. Dort stand ein schwarzes Pferd und scharte mit der Hufe das Gras auf. Über Kopf und Rücken des Tieres lag ein Harnisch aus edelster nachtblauer Seide. Deutlich zeichneten sich die mit silbernem Faden gestickten Löwenköpfe darauf ab.
Dahinter erschien ein Mann, mit stolz erhobenem Haupt. Über dem Kettenhemd trug er einen Wappenrock in dem selben blauen Farbton und auf seiner Brust prangte ein großer silberner Löwenkopf. Er trat zu dem Pferd, saß mühelos auf und Reiter und Tier schienen zu einer Einheit zu verschmelzen.
Ihm gegenüber ergriff soeben Rondrian die Zügel seines Pferdes. Er hatte seine einfachen Reisegewänder ebenfalls gegen ein hüftlanges Kettenhemd und einen Wappenrock getauscht. Wie auch er trug der Harnisch seines treuen Streitrosses das grüne Wappen mit dem silbernen Bär, dem goldenen Löwen und der weißen Weide.
Kaum das er aufgesessen war, ritten die Kontrahenten auf einander zu und verharrten. Ich sah wie Rondrian dem fremden Ritter die Hand reichte. Dann unterhielten sich die beiden Ritter kurz, um sodann ein jeder für sich an ihre Startposition zurückzukehren.
Dort reichte ein Knabe Rondrian Helm, Schild und Lanze.
"Für Rondra," erschall es aus hundert Mündern und als wäre dies das Signal gewesen, auf das die Ritter gewartet hätten, spornten sie ihre Rösser an. Im schnellen Galopp flogen sie aufeinander zu, die Lanzenspitze geradewegs auf den Gegner gerichtet.
Wie ein Paukenschlag traf Lanze auf Schild. Die Ritter wankten bedrohlich in ihren Sätteln. Rondrian hatte Mühe sich zu halten während er geradewegs auf das Nordende zuritt. Der fremde Ritter indessen hatte sein Ross gewendet und griff nun die Lanze fester.
Kaum das Rondrian wieder in seine Richtung sah, gab er seinem Pferd die Sporen. Wieder stoben sie aufeinander zu. Nur zu leicht war zu erkennen, daß Rondrian seinen linken Arm nicht mehr recht zu halten wusste und sein Schild bot längst nicht mehr den Schutz.
Langsam, als hätte jemand den Fluss Satinavs manipuliert, sah ich, wie die Lanze des blauen Ritters Rondrian auf der Brust traf. Sein Körper wurde aus dem Sattel gehoben, schien in der Luft stehen zu bleiben, während sein Pferd weitergaloppierte. Dann schlug er auf dem Boden auf und bewegte sich nicht mehr.
Erschrocken sprang ich auf. Aus dem Augenwinkel sah ich Cassandra, die zum Ort des Geschehens eilte. Doch Rondrian rührte sich nicht.
Aus einem der Zelte kamen zwei junge Männer und liefen zu dem am Boden Liegenden. Einer trug ein merkwürdiges Gebilde, welches wohl als Trage dienen sollte. Zwei etwa zwei Schritt lange Stäbe zwischen denen ein zwei mal ein Schritt großes Tuch befestigt war.
Vorsichtig hoben sie Rondrian auf die Trage und brachten ihn fort.
"Er scheint bewusstlos zu sein. Doch weilt er noch unter uns."
Cassandra nahm wieder rechts neben mir Platz, gefolgt von dem siegreichen Ritter. Freundlich nickte er uns zu während er auf den Stuhl sank.
Auch Faenwulf schien das Glück nicht hold zu sein. Beim Kampf mit der Axt stand er schließlich einem unheimlich aussehenden Fremden gegenüber, der ihn um einen halben Kopf überragte und sein Antlitz hinter einer ledernen Maske verbarg. Mit nur wenigen Hieben brachte er Faenwulf zu Fall und schritt dann triumphierend zum Nordende.
"Seid gegrüßt. Ich bin Leif Swafnildson," schmetterte er uns entgegen und ließ sich auf einem der letzten freien Stühle fallen.
Faenwulf rappelte sich wieder auf, warf seine Axt zu Boden und stemmte trotzig die Fäuste in die Hüfte.
"Wer misst sich mit mir im Raufen?" rief er in die Menge.
Kassandro runzelte die Stirn und schüttelte langsam den Kopf. Dann stand er auf und erhob die Arme, um die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu lenken.
"Hört, dieser Mann dort hat recht. Die letzte der Disziplinen soll nun folgen. Drum bitte ich die Teilnehmer für den waffenlosen Kampf auf den Festplatz."
Noch immer stand Faenwulf dort draußen und starrte jeden Teilnehmer einzelnd herausfordernd an. Ein junger Edelmann trat auf ihn zu.
"So der Herr, dann lasst uns also nach den Regeln des ehrlichen Boxkampfes dies ausfechten."
Er hüpfte von einem Bein auf das andere und ruderte mit den Fäusten in der Luft. Faenwulf zog den Mundwinkel verächtlich hoch und schaute grimmig. Dann trat er einen Schritt auf den tänzelnden Gegner zu und donnerte ihm die rechte Faust auf die Nase.
Lieblich lächelnd wand sich der Edelmann um, verdrehte die Augen und sank schließlich zu Boden. Nun entwickelte sich eine wahre Rauferei, so wie ich sie bislang nur aus dunklen Hafenschenken kannte.

Erschöpft aber glücklich kam Faenwulf auf uns zu und lächelte: "Den hab ich's gezeigt, was!"
"Wohl an," erhob Kassandro das Wort: "Die sieben größten Helden des Zeitalters sind ermittelt und morgen sollen sie aufbrechen, um sodann die sieben schönsten Tage ihres Lebens verbringen zu dürfen."
Er wandte sich uns zu und fuhr dann fort: "Ihr werdet morgen mit einer Kutsche zum Castell Paradiso gebracht. Dort werdet ihr bereits erwartet und sollt Euch nach Eurem Gelüste entspannen und erholen dürfen."
"Hey, aber wir dürfen doch wohl schon heute Abend ein wenig Spaß haben, oder?" rief Faenwulf.
"Das wohl," stimmte Leif ihm zu und schlug ihm anerkennend auf die Schulter: "Na, hast es ja doch noch geschafft."
"Es wird heut Abend Speis und Trank geben, ganz wie ihr es wünscht."
Kassandro war zu ihnen getreten und lächelte wissend. Dann bat er uns ihm zu folgen.
"Schade, daß es dieser schnuckelige Ritter von Adel nicht geschafft hat."
Eleonor schritt heftig neben mir aus.
"Ihr meint Rondrian?" fragte ich.
"Ja, genau den. Aber der scheint nun ja etwas länger außer Gefecht gesetzt worden zu sein."
"Ich habe euer Gespräch während des Kampfes gehört. Wieso sucht Ihr einen Mann zur Zeugung? Ist dies alles, wessen Ihr einen Mann begehrt?"
Eleonor blieb stehen und blickte mir fest in die Augen.
"Schätzchen, Männer versprechen dir Himmel und Erde, so es sie in dein Bett bringt. Vertraue ihnen bloß nicht. Außerdem, was können die schon, was eine Frau nicht besser könnte?"
"Da wüsste ich schon was," erwiderte ich lächelnd, während wir weiter zwischen den Zelten hindurch liefen.
"Das glaubst du auch nur, weil du es noch nie anders versucht hast."
Fassungslos schaute ich sie an.
"Was meint Ihr," flüsterte ich.
"Das weißt du ganz genau. Und hör mit diesen Förmlichkeiten auf. Ich bin Eleonor, schon vergessen?"
Sie streckte mir die Hand entgegen. Nur zögerlich schlug ich ein. Fest drückte sie zu und zog mich schließlich zu sich heran.
"Ich kann es dich lehren," flüsterte sie.
Überrascht trat ich zurück und entzog ihr meine Hand. Schweigend ging ich weiter. Versuchte die Gedanken und Bilder aus meinem Kopf zu bannen, die sich mir aufdrängten. Wie konnte sie nur daran Gefallen finden?
Ich hörte Cassandra, die sich angeregt mit dem fremden Ritter unterhielt. Ihn über den Inhalt seiner Bibliothek befragte und versuchte ihn von der Notwendigkeit der Kenntnis was Lesen und Schreiben betraf zu überzeugen, sah den Elfen, der auf faszinierende Weise das letzte Ziel mit seinem Bogen, den er Nachtwind nannte, getroffen hatte und eilte um mit ihm aufzuschließen.
"Sanyasala, feyiama," begrüßte ich ihn in der klangvollen Sprache der Elfen, die mir ebenso lieb war, wie die der Menschen des Mittelreiches.
Langsam wand er sich mir zu und schaute mir tief in die Augen. Ich kannte diese Geste und wappnete mich seiner Magie.
"Du bist kein Kind meines Volkes," stellte er fest.
"Ich wurde nicht geboren von deinesgleichen, doch bin ich dennoch ein Kind der Elfen," erwiderte ich und versuchte die Gedankengänge meines Gegenübers zu ergründen.
"So," entgegnete er in einem Tonfall, daß es mir schwer fiel zu deuten, ob dies Feststellung oder Frage war.
"Ich bin die Tochter Ardarell's, einem weisen Elfen aus den nördlichen Salamandersteinen."
Keine Gestik, keine Mimik verriet seine Gedanken oder Gefühle.
"Man nennt mich Lorando."
Er nickte mir begrüßend zu.
"Ist Ardarell's Tochter zu arm für einen eigenen Namen?"
Ich lächelte: "Nein, ich werde Jolina genannt."
Vor uns erschien ein auffälliges großes Zelt. Rot und weiße Streifen verliefen auf dem schweren Stoff von der Spitze bis zum Boden. Wir schlüpften hinein und sahen, daß darin mehrere lange Tische und Bänke aufgestellt waren. Hier und da saßen bereits Menschen, die Bierhumpen in Händen hielten.

Wir saßen, plauderten und tranken. Der eine mehr, der andere weniger. Eleonor erzählte, warum sie einst die Schwesternschaft der Amazonen verließ und seit dem auf der Suche nach dem geeigneten Manne war, der würdig genug sei, ihre Tochter zu zeugen. Erst dann würde sie wieder zu der stolzen Burg ihrer Schwestern zurückkehren.
Ich sah, wie der fremde Ritter verlegen errötete, als Eleonor von der Art und Weise der Zeugung sprach. Er war viel jünger, als ich erst angenommen hatte. Vielleicht siebzehn oder achtzehn Götterläufe, doch wer konnte dies schon so genau wissen. Kulian von Kaltenwind, wie er sich vorstellte, kam aus einer entlegenen Grafschaft Weidens. Doch konnte ich mir den Namen nicht merken, waren doch schon die anderen befremdlich klingenden Namen verwirrend genug.
Irgendwann sprang Leif von seinem Platz auf, stieg über den Tisch und sprang auf ein paar weitere Gäste zu. Dort zog er einen breiten Kerl am Kragen empor und schüttelte ihn heftig. Dessen Kumpane erhoben sich, um sich sogleich auf Leif zu stürzen. Hier und da sprangen Männer und Frauen auf, um die Fäuste zu schwingen. Auch Faenwulf wollte sich eben erheben, als Lorando Leif beim Schopfe griff und ihm fest in die Augen sah.
"Du willst keinen Ärger. Dies sind alles Freunde und du gehst jetzt glücklich und zufrieden Gänseblumen pflücken."
Lorando ließ ihn los und setzte sich wieder zu uns. Ich mußte lachen, als ich sah, wie Leif nun mit einem glücklichen Lächeln an uns vorbeischritt und das Zelt verließ. Auch versuchte ich das Bild zu unterdrücken, wie dieser hünenhafte Thorwaler nun über die Wiesen spazieren und fasziniert Blumen pflücken würde, um sich an ihrem Geruch und ihrem Aussehen zu weiden.

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