Gedanken

"Das Leben ist ein Geschenk" pflegte mein Vater immer zu sagen. Vielleicht hatte er recht. Für mich ist das Leben jedenfalls mehr eine Strafe. So viele Jahre schleppe ich mich nun schon durch mein Leben, träume von einem Sonnenaufgang oder der Farbe des Meeres. Ich habe all dies vor vielen Jahren einmal gesehen, kann mich jedoch nicht an die Farbe erinnern. Für mich ist alles grau in grau, denn die Nacht hat keine Farben. Ich erinnere mich nur an Bruchstücke meiner zweiten Geburt. Von dem Leben davor, weiß ich so gut, wie gar nichts mehr. Manchmal schleichen sich jedoch Bilder in meine Träume. Dann sehe ich Gesichter von Menschen, die mir einmal etwas bedeutet haben. Aber das ist schon lange her. Warum nur war ich damals zu feige, dem Tod gegenüber zu treten? Das Angebot dieses Fremden war einfach zu verlockend. Ewiges Leben und ewige Jugend bot er mir an. Wen wundert es, daß ich nicht ablehnen konnte. Ich würde alles geben, es ungeschehen zu machen, um endlich zu sterben. Doch ich bin dazu verdammt, ewig auf dieser Erde zu wandeln. Allein. Nein, nicht allein. Das war es, was ich ändern mußte. Ich weiß, ich würde fröhlicher sein, wenn ich nicht allein wäre. Doch wer würde bereit sein, sein Leben mit mir zu verbringen. Ach, es erscheint mir so unwahrscheinlich.
Das Mädchen dort drüben vielleicht? Sie beobachtet mich schon eine Weile. Ob sie weiß, wer - oder besser - was ich bin?
"Entschuldigen Sie, hätten Sie eine Zigarette für mich?"
Langsam, ganz langsam sah ich zu ihr auf.
"Verzeiht, ich rauche nicht."
Sie lächelt: "Das ist ja auch gesünder, aber ich kann einfach nicht damit aufhören."
Ich sauge ihren Duft ein, während sie sich neben mich setzt. Lavendel, ja, sie duftet nach Lavendel.
"Wissen Sie," fährt sie fort: "meine Mutter ist schon ganz krank vor Sorge. Sie sagt immer wieder, daß ich damit aufhören soll. Aber Sie wissen ja wie das ist."
Lavendel und frisches gesundes Blut.
"Es ist eine Sucht. Eine schlimme Sache. Ich habe schon ein paar Mal versucht, aufzuhören."
Frisches Blut. Es riecht nach frischem Blut. Und es riecht nach Lavendel.
"Aber ich schaffe es einfach nicht."
Sie neigt ihren Kopf leicht zur Seite, während sie in ihrer Tasche nach Zigaretten sucht.
"Ich glaube, ich habe irgendwo noch eine."
Ihre Halsschlagader tritt deutlich hervor, und ich spüre meinen Hunger.
"Trink!" schreit mein Magen. Hastig schau ich mich in der Bahn um. Es ist keiner da.
"Ich wußte ich habe noch eine. Wo ist denn nur das Feuerzeug."
Sie neigt ihren Kopf noch weiter.

Mit neuen Kräften verlasse ich die Bahn und höre wie jemand schreit. Es ist die alte Frau, die eben in die Bahn gestiegen ist. Ich gehe weiter und ein Lächeln spielt um meine Lippen. Gleich um die Ecke ist ein Kino. Mein Blick bleibt auf dem Plakat hängen. Erinnerungen blitzen kurz auf. War dies der Sonnenaufgang? Gern würde ich dies sehen. Die Frau am Schalter lächelt mir zu, als ich ein Ticket kaufe.

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