Verloren im Nebel

Das Hotel war um diese Jahreszeit völlig ausgebucht. Viele Touristen aus allen Ländern waren auf die 'Insel der Mächtigen' gekommen, um selbst nach den Wegen der Alten, die in den Sagen und Mythen so faszinierend dargestellt werden, zu suchen. Unter ihnen war auch ich, damals 19 Jahre alt. Zu der Zeit hatte ich alle Bücher der Arthus-Saga gerade zu verschlungen. Ich war überzeugt von der Existenz dieses legendären Königs und wollte alles über ihn erfahren.
Gedankenverloren schlenderte ich am Wasser entlang. Obwohl es erst kurz nach Mittag war, konnte ich nicht weit sehen. Dichte Nebelschwaden zogen vom Wasser her über das Land. Der Nebel war feucht und kalt. Mir fröstelte, und plötzlich überkam mich das Gefühl, nicht mehr zurück zu finden. Ich konnte keine zwei Meter weit mehr sehen. Ängstlich versuchte ich mit meinen Augen den Nebel zu durchdringen, als mir plötzlich eine Begebenheit aus einem der vielen Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen hatte, in den Sinn kam. Dort hatte sich der junge Merlin auch im Nebel verirrt und tat schließlich das einzig Richtige. Er setzte sich hin, wo er sich gerade befand und wartete darauf, daß die Nebel sich lichteten. Also kauerte auch ich mich auf den Boden. Die Feuchtigkeit hatte inzwischen meine Kleidung durchdrungen. Ich fror und hatte Angst. Nach einer Weile hörte ich Stimmen, doch ich konnte noch immer nichts sehen. Die Stimmen sangen in einem merkwürdigen Dialekt eine wunderschöne Melodie. Ich lauschte der Musik und begann zu träumen. Ich konnte Avalon in all seiner Schönheit sehen, roch den süßen Duft der Apfelbäume und lauschte dem Lied der Rituale.
Erschrocken schrie ich auf, als mich irgend etwas an der Schulter berührte. Dann erkannte ich, daß ich noch immer im Nebel saß und fror. Doch die Berührung auf meiner Schulter blieb.
"Habt keine Angst, junge Dame."
Verwirrt schaute ich auf. Vor mir stand ein in schlichten Leinen gekleideter Mann. Doch etwas störte mich an seinem Erscheinungsbild. Nicht nur, daß er gekleidet war, als wäre er einem 'mittelalterlich Spektakulum' entsprungen. Nein, es waren seine Augen. Solch eine Augenfarbe hatte ich nie zuvor gesehen. Er half mir auf und fragte nach meinem Befinden. Ich lächelte einfach nur und hoffte, daß dies Antwort genug sei.
"Ihr friert, Ihr solltet neue Gewänder anlegen."
Ich wich zurück. War ich zum Schluß einem durchgeknallten Sexisten in die Hände gefallen? Meinen Mißmut erfassend, fügte er lächelnd hinzu "Selbstverständlich nicht hier. Kommt, unweit wohnen gute Menschen. Sie werden Euch Gewänder geben. Außerdem werdet Ihr Euch dort bester Gastfreundschaft erfreuen."
Während ich noch an der Übersetzung seiner Worte arbeitete, ging er langsam von mir fort. Da stand ich nun, verloren im Nebel. Konnte ich ihm vertrauen und ihm folgen? Oder war er doch so eine Art Psychopath? Als ich so dastand und die Möglichkeiten erwog, wurde ich mir der Feuchtigkeit und Kälte wieder bewußt. Ich fühlte mich elend und wünschte mir nichts weiter, als mein Bett. Der Mann drehte sich um und winkte mir, ihm zu folgen. All meine Bedenken waren verflogen. Ich wollte nur an einen warmen, trockenen Ort. Also nahm ich die Beine in die Hand und lief ihm nach. Lächelnd wartete er auf mich.
"Es ziemt sich nicht, für eine junge Dame, so zu hasten."
Na toll, dachte ich, jetzt fängt der auch noch an, mir Vorträge zu halten. Ich lächelte erneut und schaute weg. Es verwunderte mich, ihn lachen zu hören. "Ihr gefallt mir. Ihr tragt keine Maske. Ehrlichkeit ist eine wunderbare Tugend."
"Ein Ritter lügt nie", entgegnete ich und bereute es im selben Augenblick. Mit erstaunten Blicken musterte er mich.
"Wer lehrte Euch den Ritterkodex?"
"Aber den kennt doch jedes Kind", plapperte ich drauf los: "Ein Ritter hilft immer den Schwachen, sein Schwert führt er stets mit Gerechtigkeitund so weiter." Und unterstrich dies mit einer lächerlichen Handgeste. Fest packte er mich an den Schultern. "Nur der König, die Ritter und ich selber kennen den Kodex. Also sprecht, wer lehrte ihn Euch?"
Ich sah in seine Augen und erkannte die Strenge, die jetzt in ihnen lag. Leise stammelte ich fassungslos einen Namen. Sobald ich ihn aussprach, lies er mich los.
"So nennt man mich. Doch wer seid Ihr? Da Ihr den Kodex kennt, gehe ich recht in der Annahme, daß auch Ihr ein Ritter seid?"
Seine Worte drangen nicht an mein Ohr. Ich versuchte zu verstehen, wem ich hier gegenüber stand. Gleichzeitig erwog ich die Wahrscheinlichkeit, ob dies hier wahr sein konnte.
"Moment," brachte ich immer noch völlig verwirrt hervor: "sagtet Ihr eben, Euer Name sei Merlin?"
"Ja, ich bin Merlin", bestätigte er. "Merlin, der Zauberer? Der von Arthus?" versuchte ich mich zu vergewissern.
Seine Antwort beschränkte sich auf ein simples Nicken, und plötzlich wußte ich wieder, was mir an seinen Augen so vertraut vorkam. Sie waren weder grün, blau, braun oder grau. Sie hatten die Farbe, wie die Augen eines Falken. Golden, wunderbar golden leuchteten sie. Einige Bücher hatten sich in diesem Punkt widersprochen, aber sie waren tatsächlich golden.
"Kommt", sagte er leise und ging weiter.
Vorsichtig versuchte ich ihn näher zu betrachten. Er mochte Ende dreißig sein und seine Kleidung war in schlichtem braun gehalten. Eigentlich nichts auffälliges, außer diesem Stab. Er war ungefähr eineinhalb Meter lang und aus gedrehtem dunklen Holz. Meinen Erkenntnissen aus all den Büchern zur Folge, mußte dieser Stab aus Eberesche sein. Der Stab eines Druiden.

Nach einer Weile lichtete sich der Nebel. Vor uns lag eine weite saftige Grasebene. Ich vernahm Musik und roch den Duft von Äpfeln. Zwei junge Mädchen in hellblauen schlichten Kleidern kamen auf uns zu. Freudig begrüßten sie uns und brachte uns dann in eines der nahe gelegenen Häuser. Das Haus war aus Holz erbaut und später mit Lehm abgedämmt worden. Als Tür diente ein schweres Stück Stoff, das eines der Mädchen zur Seite hielt. Der Geruch von Kräutern schlug mir entgegen. Ich brauchte ein wenig, mich an ihn zu gewöhnen.
"Die Wasser sagten, du würdest kommen."
Eine junge Frau eilte auf Merlin zu und umarmte ihn herzlich. Verdutzt sah ich sie an. Die Bücher hatten sie eindrucksvoll beschrieben. Nimue, Merlins einzige Liebe. Sie hatte tatsächlich blondes langes Haar und klare blaue Augen. Das hellblaue Kleid unterstrich die Farbe ihrer Augen noch zusätzlich. Nun war es an Nimue, mich zu mustern. Ich fühlte mich etwas unpassend gekleidet in meiner Jeans und dem Shirt.
"Wir werden Euch vernünftige Gewänder geben", schloß sie ihre Musterung.
"Vernünftige", murmelte ich zweifelnd, aber ich hatte gar keine andere Wahl.
Die zwei Mädchen von vorher führten mich aus dem Haus hinaus zu einem kleinen Teich. Das Wasser war so klar, daß ich fast ein schlechtes Gewissen bekam, darin zu baden. Die größere kicherten: "Dies ist der Teich der Alten. Zum Reinigen nutzen wir diesen dort."
Sie wies auf einen weiteren Teich, gleich daneben. Beim hinschauen sah ich weitere junge Mädchen. Einige von ihnen sammelten Holz. Dies war meiner Meinung nach unlogisch, da der Sommer vor der Tür stand.

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